Atlantischer Ozean
Januar 26
Es sind meist die Momente der Rückkehr, die einen wirklich fühlen lassen, welche Verbindung zu einem Ort entstanden ist. Als ich Anfang Januar nach Teneriffa zurückkehrte, fühlte sich es tatsächlich wie nach Hause kommen an.
Acht Tage später musste ich mich nun ein zweites Mal von der Insel und endgültig von der Zeit meines Praxissemesters mit all seinen Gegebenheiten und Menschen verabschieden. Ich blicke dabei zurück auf eine Zeit voller Geschichten und Begegnungen, die bleiben werden.
Während im letzten Artikel meine Mitbewohnerinnen ausführlich beschrieben wurden, gilt es zunächst, mein Umfeld auf Teneriffa in diesem Blog zu komplettieren.
Es ließ zum einen vermuten, dass die Europa Universität Flensburg zu einem Praxissemster auf den Kanaren verpflichtete und dabei einen Großteil der Studierenden nach Teneriffa verschiffte.
Zu meinen Mitstreiter:innen aus dem hohen Norden zählte Isabelle als einzige Person, die ich bereits vor unserem Praxissemester kennenlernte, als wir im vorausgegangenen Sommersemester in einem Seminar Sitznachbarn waren und durch Zufall in einem unserer Gespräche herausfanden, dass wir beide nach Teneriffa gehen würden. Alle anderen sollte ich erst auf der Insel kennenlernen.
Wie zum Beispiel die allseits positiv gestimmte und aufgeschlossene Julika, die diesen Blog-Artikel womöglich nie lesen wird, weil sie kein Instagram hat.
Tonine, die als eine der wenigen meine Leidenschaft zum Fußball sowie Stadionbesuchen von C.D. Tenerife teilte.
Genauso wie Nina, mit der ich eine maximal amateurhafte Vorbereitung für Teneriffas Halbmarathon absolvierte, welche für sie erschwert wurde, nachdem sie in einem Club von einem zunächst torkelnden und schließlich fallenden Fremden krankenhausreif gefoult wurde und sich am Sprunggelenk verletzte. Sowie Anna-Maria, die zwar nicht in Flensburg studiert, deren Erwähnung jedoch an keine Stelle besser passt als hier. Denn die WG der beiden wurde zum Heimspielort für spektakuläre Champions Leauge Abende. Nicht selten mit hausgemachten Burgern und stets mit tollen Einblicken in ein zumindest mal für Außenstehende sehr amüsantes WG-Leben zusammen mit einer Mutter und ihrem 9-jährigen Sohn aus Berlin.
Dann gab es Hannah, die mit ihrem Geburtsdatum vom 11.1.97 zwar immer noch ein paar Tage jünger war als ich und dennoch das beruhigende Gefühl gab, die Praktikanten-Generationsgruppe „alt“ nicht alleine zu gründen. Dass Hannah mit Ehemann und Kind nach Teneriffa ging, erschwerte die Illusion, ich sei noch jung.
Zu guter Letzt unter uns Flensburgern war Lukas. Mit ihm teilte ich über den gemeinsamen Studienort auch die Art der Anreise mit dem Auto. Bzw. im Falle von Lukas und Marthy, seiner Liebe auf vier Rädern, mit dem Van. Der im echten Insel-Nomaden-Stil zugleich sein Zuhause für den Zeitraum von vier Monaten war. Über diese Gemeinsamkeiten hinaus teilten wir noch eine Liebe (oder doch ein gefährliches Verhängnis) zu McDonald´s und zu Shopping-Trips. Beides versetzte uns dabei jeweils in teure Rauschzustände mit Suchtgefahr und sorgte zugleich für amüsante Erinnerungen.
Um nicht auf unsere Junk-Beziehung reduziert zu werden, spare ich mir die Einzelheiten unseres monatelangen kanarischen Döner-Tastings.
Carmo komplettierte zugleich Männer- sowie Autoanteil unter uns. In bestimmten Kreisen irgendwann nur noch als Papa-Mobil bezeichnet, lieferte sein roter Caddy eine weitere Mobilitätsmöglichkeit. Über diese blanken Fakten hinaus stand Carmo für die Art von Gesprächspartner, dem man gerne seien Lebensgeschichte anvertraut. Mit seinem geschulten Blick über den Tellerrand des Lebens hinaus immer in der Lage, zumindest meine lebensphilosophische Ader hervorzurufen.
Wahrscheinlich weniger philosophisch wurde es mit Romy, die ich bei dem Anteil an Unterhaltungen unter Alkoholeinfluss unter all unseren Gesprächen schon fast als meine Sauf-Kumpanin bezeichnen muss. Zwischen den Erinnerungslücken bleibt neben einer allseits guten Zeit ein Tornado mit einem Cidre und Longdrinks, die als Vodka-Shots verkauft wurden.
Als wir im Januar die Zimmer von Isabelle und Romy übernahmen, wurden Carena und ich Teil einer WG. Vor dieser Zeit waren wir ein Meister-Duo in der Planung von Surf-Trips und einzig allein darin besser, diese immer wieder zu verschieben. Dass der einzig umgesetzte Surftrip niemals als ein solcher benannt werden dürfte, bleibt unter uns. Wenn auch nicht zum Surfen, wichen die unvollendeten Pläne in unserer WG-Zeit aber tagtäglichen Ausflügen gemeinsam mit Anna-Maria und Carmo, mit denen wir zusammen im Januar das Quartett der Übriggebliebenen unter uns Praktikant:innen bildeten.
Alle anderen kehrten bereits vor Weihnachten zurück nach Deutschland. Wie auch Noa, die ich in meinem letzten Artikel im Schulkontext als meine Mitstreiterin in der 1a zwar bereits erwähnte, die Beschränkung darauf unserer Freundschaft nicht gerecht werden würde. Wenngleich diese natürlich vor allem im Trubel des Alltags unter Erstklässlern wuchs, basierte sie auf vielen guten Gesprächen, Vertrauen und einem geteilten Sinn für Humor. Nicht zuletzt wegen der über 600 Beiträge auf ihrem privaten Insta-Account war sie unter uns als Paparazzi bekannt, dessen Fotos sich niemand entziehen konnte.
Neben all den erwähnten gab es hier noch weitere Menschen, die mein Umfeld prägten und es in Kombination mit dem Wohlfühlfaktor Teneriffas als ein Zuhause fühlen ließ. Und ein Beleg dafür war, dass man auch fernab der Heimat ein solches finden kann.
Wie auf all meinen zurückliegenden Reisen sind auch in diesem Fall die positiven Erinnerungen an alles Erlebte ein Fluch und Segen zugleich.
Sie ploppen in beliebigen Situationen des Alltags auf, immer in der Lage, einem in die gute Gefühlslage einer bestimmten Situation zurückzuversetzen und gleichzeitig mit dem Bewusstsein einhergehend, dass sie nur noch im Kopf existieren. Damit unterscheiden sich die Erinnerungen an Erlebnisse auf Reisen erheblich von vielen anderen. Denn sie sind gebunden an Orte und Lebensumstände, die einmalig bleiben werden.
So entsteht wieder einmal eine Wehmut, welche nicht zuletzt die Sentimentalität dieser Zeilen erklärt. Die vervielfacht wird dadurch, dass ich sie auf der Fähre Richtung spanisches Festland verfasse. Denn auf der 36 stündigen Überfahrt ohne Internet gibt es außer der Aussicht auf die Wellen des Atlantiks und einen durch Wolken vermiesten Sonnenuntergang hauptsächlich die Gedankenwelt der vergangenen Monate.
Was mir dabei auffiel war, dass mir die lange Zeit auf See über die positiven Rückblicke nicht ausgingen. Es waren so viele, dass ich mit ihnen einen eigenen, folgenden Blog-Artikel füllen werde. Die weitaus wichtigste Erkenntnis jedoch war, dass sie an all die Menschen gebunden waren, die ich hier traf. Vielleicht sind Erinnerungen doch nicht nur in unseren Köpfen, sondern sie verbinden uns viel mehr mit den Menschen, mit die wir sie teilen.
Sie verändern einen, erschaffen Erfahrungswerte und sind ganz nebenbei die einzige Sache dieser Welt, die uns keiner mehr nehmen kann.
