Radazul, El Rosario
August 25
Wie lebt es sich im Ausland? Nicht im Urlaub, nicht auf Reisen. Sondern in einem Alltag und Umfeld an einem festen Ort. Fernab der Komfortzone aus Gewohnheiten und Vertrautem. Der Weg, die Frage innerhalb eines Praxissemesters auf Teneriffa beantworten zu können, hatte den Vorteil, dass er zeitlich begrenzt und es somit als Versuch in jedem Fall wert sein würde.
Einen zentralen Baustein dieses Lebensabschnitts stellt meine WG als ein neues Zuhause dar. Ein durchaus pädagogisch geprägtes Zuhause an deutschen Lehramtsstudenten, die allesamt ein Praktikum an der Deutschen Schule Teneriffa absolvieren.
Für eine bessere Transparenz hier eine kurze Vorstellungsrunde:
Franzi: Eine Kommilitonin aus Flensburg, die ich dort nie und auf Teneriffa das erste Mal gesehen hatte. Mit einer Liebe zu Trash-TV und Gossip-Talk nahm sie von Beginn an die Rolle als Entertainerin, oder wie sie selbst sagt als „Main-Character“ der WG ein und sorgt nicht zuletzt wegen ihrer ansteckenden Lache dafür, dass es bei uns nie langweilig wird.
Laura: Unschlagbar in Selbstdisziplin und Ordnung ist sie das Idol für ihre Mitbewohner, wenn es darum geht, sein Leben in den Griff zu bekommen. Mit inbegriffen sind eine Symbolik für Sport, gesunde Ernährung und die Planung von Freizeitaktivitäten.
Anna: In einer Balance zwischen den Persönlichkeiten von Franzi und Laura fällt Anna für Norddeutsche vor allem durch ihren fränkischen Akzent auf, der aus einer Vielfalt an S-Lauten und Wortneuschöpfungen verwirrt. Auch ihr 22. Geburtstag während des Aufenthalts konnte an ihrer Rolle als Küken der WG nichts ändern.
Alex: Wenn ich die Perspektive meiner drei Mitbewohnerinnen einnehme, so könnte ich im Alltag als Cocaholiker mit katastrophalem Schlafrhythmus und organisiertem Chaos beschrieben werden. Oder aber, wenn sie etwas Nettes formulieren würden, dann eventuell auch als der chillige Fahrer der WG, mit einem ausgeprägten Me-Time-Bedürfnis ausgestattet und dennoch gesellig und allzeit bereit für Deep-Talks in verschiednen Kategorien.
Was uns hier als WG vereint, ist nicht unbedingt mit Gemeinsamkeiten im Lebensstil und Persönlichkeit zu begründen. Dafür vielleicht sogar in den Unterschieden, die hin und wieder zwar zu Reibungen führen, aus denen aber immer wieder Energie entsteht und die unser Harmoniebedürfnis nie übersteigen konnten. Bei uns ist immer was los, von gemeinsamen Ausflügen über Streitereien um die Einkaufsliste bis zu tiefgründigen Gesprächen am Essenstisch.
Bezeichnend für unser Zusammenleben war, dass es nur ein paar Tage brauchte, bis jeder seiner Persönlichkeit freien Lauf ließ und es sich anfühlte, als würden wir hier schon seit zwei Jahren gemeinsam leben.
Markenzeichen und Grund für die Namensgebung der UWG lieferten die zahlreichen Plastikflaschen mit Uwe-Resten, die sich bei uns seit Tag 1 zu vermehren schienen.
Zur Abendroutine wurde das gemeinsame Essen mit einem rotierenden Kochplan, nachdem jeder von uns für einen der Wochentage von Montag-Donnerstag verantwortlich war. So verbrachten wir schöne, teils besinnliche und teils emotional aufgewühlte Abende gemeinsam. Das ganze von Montag bis Mittwoch bei exzellent gezauberten Gerichten meiner von Anna, Laura und Franzi und und donnerstags am Cheat Day bei sich abwechselnden Fast Food Gerichten meinerseits.
Das beste an der UWG jedoch bleibt zweifelsfrei unsere Wohnung an sich. In der gebirgigen Region El Rosario gelegen wohnen wir im unteren Teil von Radazul im 8. Stock eines Gebäudekomplexes mit Blick auf den Atlantik sowie die Küste Teneriffas, die Berge und beleuchteten Straßen. So wirkt es bis heute surreal, dass dieser Ausblick unser Zuhause ist.
Wie die Abend- so entwickelte sich auch schnell eine Morgenroutine bei uns. Die angepeilte Abfahrtzeit von 7:15 Uhr blieb bis heute eine Illusion, wurde zum Glück aber mit einkalkuliertem Puffer
berechnet. Was bis 7:15 Uhr tatsächlich geschah:
Franzi stand nach drei Stunden Schlaf im Flur und begann den erster Satz des Tages stets mit „Scheiße Leute…“ zu Ende gebracht wurde er meistens mit einer Begründung, warum sie zu spät ins
Bett gegangen war.
Während man Anna auf ihren Wegen vom Zimmer in die Küche in den Eingangsbereich und zurück jeden Morgen ihren Geschwindigkeitsrekord brach, kämpfte ich verschlafen mit meinen Kontaktlinsen im Zeitstress, bis ich eines Tages versehentlich beide Kontaktlinsen in ein Auge beförderte. Für eine detaillierte Beschreibung müssen wir Laura fragen, die jeden Morgen in aller Seelenruhe um 7:15 Uhr mit fertig gepackter Tasche im Flur sich die Turbulenzen ansah.
Wie jeden Morgen fuhren wir mit Flavio Richtung Schule. Wie jeden Morgen im Fahrstuhl auf dem Weg in die Parkgarage erzählte Anna, wie heiß ihr ist. Wie jeden Morgen auf dem Weg unsere Straße runter checkte Laura, ob man beim Blick aufs Meer das benachbarte Gran Canaria sehen konnte. Würden die 3km nicht steil bergauf gehen, könnte von einem kurzen und entspannten Schulweg die Rede sein. Doch das Colegio Aleman liegt in den Bergen von Tabaiba, ca. 12 km entfernt von der Hauptstadt Santa Cruz und hat dabei eine Ausstrahlung, die je nach Stimmungslage Hogwarts oder einem Gefängnis ähnelt.
Wir alle vier sind in unserem Praktikum verschiedenen Klassen der Primaria, der Grundschule zugeordnet. Auch die im selben Gebäude befindliche Secundaria, die weiterführende Schule, sowie der Kindergarten haben eine Vielzahl an Praktikantinnen und Praktikanten. So gab es hier neben der Schule und ihrer Struktur an sich mit den Kindern und dem Kollegium viele neue Menschen kennenzulernen.
Gemeinsam mit Noa wurde ich der neuen 1a zugeteilt. Wir bildeten von Anfang an ein super Praktikanten-Team mit der Aufgabe, die Klassenlehrerin und die Kinder im Start in die Schulzeit bestmöglich unterstützen. Für uns überraschend zum einen war, dass neben einer Hand voll Auswanderer-Kindern der Großteil aus rein spanischen Familien stammt, die ihre Kinder meist aus Gründen besserer Zukunftschancen auf die private Deutsche Schule schicken. Und zum anderen, wie gut Kinder im Alter von 6 Jahren von der einen auf die andere Sekunde zwischen zwei Sprachen wechseln können. Der Unterricht verläuft, bis auf die Spanisch-Stunden sowie den spanischen Sachunterricht, auf deutsch.
Es war super interessant, den Schulstart mitsamt des Einschulungstages und den ersten Schulwochen hier mitzuerleben.
Soweit hier also ein erster Einblick in einen neuen Alltag am Atlantik, der sich alleine schon durch die Gegebenheiten auf Teneriffa gut anfühlt. Und das ganz ohne alle Möglichkeiten außerhalb der Schule und der Wohnung, die es hier auf der Insel zu entdecken gibt.
Instagram: colegioalemantenerife
